Verlassene U-Bahn-Tunnel in Eriwan
Armenien, August 2025
Tunnel, die nie fertig wurden – Urbex durch die verlorene Metro unter Eriwan, wo die Sowjetunion ihre Pläne hinterließ.
Die Metro von Eriwan wurde 1981 eröffnet und hat heute nur drei Linien – für eine Stadt mit über einer Million Einwohner recht wenig. Was ich mir angesehen habe, ist kein stillgelegter Tunnel der bestehenden U-Bahn, sondern der nie fertiggestellte Bau einer geplanten Erweiterung, der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Erdbeben von 1988 leer steht. Ich bin alleine hingefahren und habe die Anlage alleine erkundet.
Das Gelände liegt etwas östlich, auf der anderen Seite des Flusses vom Stadtzentrum. Um die Anlage herum ist nur ein kleiner Zaun. In Armenien gibt es viele verlassene Orte – im Grunde kümmert sich niemand darum, sie stehen einfach da. Von außen wirkt es wie ein Technikbereich: eine unscheinbare Blechdachkonstruktion mit einem kleinen Förderturm in der Mitte.
In dem Turm laufen Förderbänder und Vorrichtungen, mit denen das Material aus der Tiefe nach oben und zur Seite befördert wurde. Die Loren oder Minenwagen wurden mit einem Aufzug hochgezogen, seitlich rausgefahren und auf ein Förderband gekippt. An der Seite des Wartungsschachts führt eine kleine Leiter in die Tiefe.
Es geht etwa 50 Meter senkrecht nach unten. Man klettert runter – und unten ist es stockdunkel. Nur ganz oben, wo das Licht reinkommt, ist es ein bisschen hell; ansonsten sieht man die Hand nicht vor den Augen. Ich bin mit einer Stirnlampe runtergeklettert.
Ganz unten steht noch der alte Lastenaufzug, mit dem man die Loren mit dem Aushub nach oben gezogen hat. In der Tiefe liegen daneben zurückgelassene Dinge: hauptsächlich Bolzen, alte Weinflaschen und verschiedenes Werkzeug. Die Sachen stehen verstaubt auf einem alten rostigen Tisch – wie ein Stillleben.
Geht man einmal um die Ecke, kommt man in den eigentlichen U-Bahn-Tunnel bzw. in einen Seitentunnel, der damals für den Vortrieb gegraben wurde. Am Boden liegen die kleinen Gleise der Loren, auf denen das Material vom Tunnelbau rausgefördert wurde.
In den Tunneln gibt es keine Beleuchtung – sie sind quasi stockfinster. Ich habe eigene Lampen, Kamera-Equipment und Leuchten mitgebracht, um die Situation ein bisschen in Szene zu setzen. Ansonsten wäre hier unten nur Dunkelheit.
An der Decke waren früher Lüftungsschächte; die sind inzwischen durchgerostet und liegen am Boden. Die Loren stehen noch auf den Gleisen. Die Tunnelwände sind nackter Beton, der Boden mit den Schienen und Wegen wirkt wie diese Wege aus Minecraft – wer das Spiel kennt, kann sich das gut vorstellen.
An manchen Loren und am Rand der Tunnel hängen immer wieder kleine Vermessungszettel. Das Gelände wurde vor ein paar Jahren neu ausgemessen; es gibt Pläne, die Metro in Eriwan doch zu erweitern, weil drei Linien für eine Millionenstadt zu wenig sind. Eriwan versinkt im Autoverkehr und ist sehr autogerecht gebaut, ähnlich wie in den USA.
1988 hat die bestehende Metro das schwere Erdbeben unbeschadet überstanden. Die Konstruktion hält. Nach einer Weile bin ich umgekehrt und wieder nach oben geklettert. Der Besuch hat mir einen anderen Blick auf Eriwan gegeben – unter der Stadt liegt diese verborgene, nie fertiggestellte Welt.
Quellen und weitere Infos:
Wikipedia: Metro Jerewan
Wikipedia: Yerevan Metro (engl.)
Armenian Weekly: Yerevan Gearing Up for Subway Extension
Eriwan Metro Karte
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