Heiße Quellen und Lost Places in Dschermuk

Armenien, August 2025

Heiße Quellen, tiefe Canyons und verwaiste Kurhotels – wo einst die Sowjetelite kurte, wächst heute die Natur zurück.

Dschermuk (Jermuk) ist der wichtigste Kurort Armeniens und liegt in der Provinz Wajoz Dsor auf über 2.000 m Höhe. Das Klima ist spürbar milder als in Eriwan. In Sowjetzeiten kamen Menschen aus der ganzen Union hierher. Heute ist viel davon verlassen. Die Stadt ist für ihre heißen Mineralquellen bekannt. Das Wasser wird in Flaschen abgefüllt und ist in ganz Armenien erhältlich. Im September 2022 wurde Dschermuk durch Angriffe im Bergkarabach-Konflikt getroffen. Der Tourismus ist seitdem stark eingebrochen.

Vom Sewansee aus gibt es keine direkte Busverbindung nach Jermuk. Wegen des Grenzkonflikts und Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan (2020 bis 2023) herrscht in der Region starke Militärpräsenz. Ich trampte bei Soldaten und Zivilisten mit. Von Martuni bis zur letzten Stadt vor Jermuk, nach Wajk, nahmen mich Fahrer mit. Von dort fuhr ich mit einem kleinen Minibus weiter. Die Straße schlängelt sich serpentinenartig in die Berge. Ich erreichte Jermuk am frühen Nachmittag. Durch die Stadt zieht sich ein langer Canyon. Jermuk erstreckt sich hauptsächlich am Nordufer, teils auch am Südufer, verbunden durch eine große Brücke. Zunächst ging ich zum Fluss hinunter.

Der Canyon wird vom Fluss durchzogen. Auf beiden Seiten ragen Basaltfelsen auf und mehrere Wasserfälle stürzen herab. Die Stelle ist relativ touristisch. Ich lief ein Stück in einen Seitenarm des Flusses hinein und kletterte wieder hoch in die Stadt.

Canyon in Dschermuk
Canyon in Dschermuk

Wie in jeder größeren Stadt der ehemaligen Sowjetunion gab es auch in Jermuk ein Haus der Kultur. Als Kurort besaß Jermuk ein recht großes Gebäude, bestimmt vier Stockwerke, im brutalistischen Stil. Vor dem Eingang steht eine Statue einer Badenixe aus Bronze, bereits mit Patina überzogen. Um das Haus wachsen Bäume, das Ganze wirkt mit den verlassenen Gebäuden etwas wie in Tschernobyl. Ich betrat den ehemaligen Kulturpalast.

Haus der Kultur
Haus der Kultur

Im Inneren ist bis auf die Grundmauern alles geplündert, nach dem Niedergang der Sowjetunion. Übrig geblieben ist nur eine Hülle der früheren Nutzung.

Haus der Kultur von innen
Haus der Kultur von innen

In der Nähe des Hauses der Kultur entdeckte ich ein unscheinbares, stark zugewuchertes Gebäude aus rötlichem Tuffstein, jenem roten Stein, der in Armenien überall vorkommt. Jermuk hat viele verlassene Gebäude. Die Stadt liegt abgelegen in den Bergen. Dennoch kommen wieder neue Touristen und Investoren. An diesem Gebäude fehlte an der Seite ein Fenster. Ich kletterte hinein und rechnete nicht mit dem, was folgte. Oben angelangt, betrat ich einen großen Saal. Es handelte sich um einen verlassenen Kinosaal.

Verlassener Kinosaal
Verlassener Kinosaal

Das Gebäude hat mehrere Stockwerke. Oben in der Wand befinden sich kleine Schlitze, durch die die Projektoren auf die Leinwand schienen. Über eine verwinkelte Treppe gelangte ich ins Obergeschoss und fand drei große sowjetische Kinoprojektoren im Originalzustand vor, teilweise noch mit Filmrollen darin. Der Raum war damals einfach zurückgelassen worden. Er wirkt verstaubt und ist bereits etwas vandaliert. Ein Kino in diesem Zustand zu finden, war auf meiner Reise eine echte Entdeckung. Oben steht ein großer Stuhl, von dem aus man die Projektoren bedienen konnte.

Sowjetische Filmprojektoren
Sowjetische Filmprojektoren

In einem kleinen Nebenraum lagen alte Filmrollen, eine Schere und ein Schneidetisch. Dort wurden früher die Filme zugeschnitten.

Historischer Filmschneideraum
Historischer Filmschneideraum

Nachdem ich mir Jermuk angesehen hatte, wollte ich die Stadt verlassen. Ich hatte gehört, dass es außerhalb eine heiße Quelle gibt. Ich kletterte die Hänge südlich der Stadt hinauf. Von dort bot sich ein guter Ausblick über die Stadt. Der Canyon zieht sich durch Jermuk. Im Hintergrund liegen die dunstbedeckten Berge, die die Grenze zu Aserbaidschan bilden.

Dschermuk von oben
Dschermuk von oben

Etwas oberhalb von Jermuk thront eine große silbern glänzende Steinbock-Statue über der Stadt. Von dort sind es noch etwa fünf Kilometer zur heißen Quelle. Sie liegt in einem kleineren Seitental des Canyons. Der Weg dorthin ist ein sehr steiniger Feldweg.

Silberne Steinbock-Statue
Silberne Steinbock-Statue

Bevor das Seitental beginnt, stand am Wegrand ein Schild: „Beware bears in the area“, auf Armenisch und Englisch. Das war das erste englische Schild seit Langem. Auf der Wanderung kam mir nur ein Jeep entgegen, sonst begegnete ich keinen weiteren Wanderern.

Warnung vor Bären
Warnung vor Bären

Der Weg führt durch leichten Mischwald. Man muss mehrfach einen Bach überqueren und aufpassen, dass man keine nassen Füße bekommt. Am Wegrand gibt es immer wieder kleine Quellen. Aus dem Boden kommt sprudelndes Mineralwasser mit Kohlensäure, das man direkt trinken kann. So etwas habe ich woanders noch nicht gesehen.

Wanderweg
Wanderweg

Richtung Quelle riecht es minimal nach Schwefel, aber nicht stark. Es handelt sich eher um eine warme Mineralwasserquelle. Ich erreichte sie im Licht der gelben Abendsonne.

Dschermuk Heiße Quelle
Dschermuk Heiße Quelle

An der Quelle traf ich auf eine Gruppe Geflüchteter aus Bergkarabach. Wir hatten gemeinsam ein Bad in der heißen Quelle.

Heiße Quelle 360°
Heiße Quelle 360°

Sie hatten ein großes Barbecue mit Lagerfeuer und verschiedenen Gerichten vorbereitet, dazu Chacha, selbst gebrannter Traubenschnaps. Es ist üblich, Gästen Chacha anzubieten. Wir aßen gemeinsam zu Abend. Ich hatte nur wenig Proviant dabei, da ich nur eine Nacht zelten wollte. Ich gab ihnen etwas von meinen Vorräten ab, hauptsächlich Snacks und Nachtisch. Der Mobilfunkempfang war schlecht. Google Translate funktionierte nicht. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Später saßen wir noch einmal gemeinsam in der heißen Quelle. Sie erzählten von ihrer Geschichte. Sie mussten aus Bergkarabach fliehen und wohnen nun in ehemals leerstehenden Gebäuden in Jermuk. Sie warnten vor Wölfen und Bären in der Region und boten an, ich könne bei ihnen in der Stadt übernachten. Ich blieb an der Quelle. Gegen halb elf fuhren sie mit zwei Jeeps zurück in die Stadt. Die Wagen hatten Startschwierigkeiten. Sie mussten anschieben, weil sie den Bach nicht durchqueren konnten. Ich schlug mein Zelt auf und hängte die Lebensmittel weit entfernt in einen Baum, falls ein Bär käme. Die Sorge war unbegründet. Ich überstand die Nacht gut und lief am nächsten Tag zurück in die Stadt.

BBQ mit Geflüchteten aus Bergkarabach
BBQ mit Geflüchteten aus Bergkarabach

Danach ging es für mich weiter zum Urtsalani-Observatorium, einem verlassenen optischen Teleskop in den Bergen Armeniens.

Karte:

Quellen und weitere Infos:

Urban Armenia: Город-курорт Джермук (Jermuk)
Wikipedia: Dschermuk
Wikipedia: Jermuk (engl.)
Worthseeing: Dschermuk, Armenischer Kurort mit Sowjetcharme
WOZ: Die Angst im Kurort (Bergkarabach)
Alpenverein aktiv: Wanderung Jermuk Mineralquellen

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