Reisebericht: Der Sewansee in Armenien
Armenien, August 2025
Trampen am blauen See, Chatschkare in Noratus und eine Tu-134 am Ufer – Armeniens größter See hat viele Gesichter.
Der Sewansee ist mit 1.272 km² der größte Süßwassersee Armeniens und des Kaukasus und auf 1.900 m Höhe der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Er ist ein wichtiges Symbol des Landes und ein beliebtes Ausflugsziel. Die Region ist reich an Geschichte. Bronzezeitliche Bestattungsplätze, und der Name könnte von den Urartäern stammen („Ṣue" = Meer). Trampen in Armenien funktioniert gut.
Zuvor war ich im Geghamgebirge unterwegs und hatte mir die prähistorischen Petroglyphen angeschaut. Dort riss mir leider der Riemen vom Fahrrad. Deswegen bin ich per Anhalter weitergereist bzw. am Anfang mit dem Bus bis zur Ortschaft Hrazdan gefahren. Ein Zug fährt auch dorthin, aber sehr selten. Das Zugnetz in Armenien ist in einem sehr schlechten Zustand. Bei Hrazdan befindet sich ein kleiner Stausee und die Tsovinar-Statue.
Die Statue der Göttin Tsovinar am Ufer des Stausees. Normalerweise steht sie im Wasser, im See. Nach dem sehr trockenen Sommer stand sie trocken am Ufer auf einer kleinen Halbinsel, die sich gebildet hatte. Tsovinar, armenisch Ծովինար, bedeutet „Tochter der Meere" und ist die armenische Göttin von Wasser, Meer und Regen. Sie wird als wilde Göttin beschrieben, die mit ihrem Zorn den Regen vom Himmel fallen lässt. Im Epos Sasna Tsrer trinkt sie von einer heiligen Quelle und wird zur Mutter der Helden Sanasar und Baghdasar. Ihr Name könnte vom urartäischen ṣûǝ für Binnenmeer stammen.
Ich bin einmal um den See herum gelaufen, links rum. Am Südwestrand gibt es ein kleines Wasserkraftwerk und eine kleine Staustufe. Offiziell darf man dort nicht durchlaufen. Aber sie haben mich kulant durch das Wasserkraftwerk durchgelassen und ich habe sogar eine private Führung bekommen. Fotos durfte ich keine machen, weil es sich um einen strategischen Ort handelt, kritische Infrastruktur. Das darf in Armenien nicht fotografiert werden. Auf der anderen Seite vom See habe ich dann das verlassene Flugzeug entdeckt.
Am Ufer steht ein ausgemusterter Tu-134A. Die Maschine CCCP-65657 wurde 1970 gebaut und flog bis 1983. Am 17. Juni 1983 geriet sie auf dem Flug von Lwiw nach Jerewan über Abchasien in einen Sturm. Sie landete sicher, hatte aber die zulässigen Belastungsgrenzen überschritten und wurde am 10. Juli 1984 außer Dienst gestellt. Danach diente sie als Brandübungsgerät am Flughafen Zvartnots. Die Wrackteile wurden 2023 ans Ufer des Hrazdan-Stausees verlegt. Im Jahr zuvor hatte ich in Belarus bereits eine Tupolev weit abseits eines Flughafens gefunden. Diese hier hat mich besonders beeindruckt, weil sie noch weiter weg von jeglichem Flughafen ist, mitten in den Bergen. Es wundert mich, wie sie das Flugzeug überhaupt hierher bringen konnten. Das muss eine logistische Meisterleistung gewesen sein. In der Sowjetunion wurde ja häufiger ausgemustertes Militärgerät oder ausgemusterte Maschinen als Statuen irgendwo aufgestellt. Und das Dorf hat sich ehrenhaft darum bemüht, dieses Flugzeug zu bekommen.
Ich traf drei Armenier, die gerade in den Urlaub fuhren. Einer war Informatiker, ein Pärchen war dabei. Mit dem Informatiker habe ich mich auf Englisch unterhalten. Er sagte, er macht im Grunde Homeoffice und fährt einfach ein paar Tage weg, während er arbeitet. Mit ihm bin ich auf den Flugzeugflügel geklettert und durch ein offenes Fenster ins Flugzeug gestiegen. Wir sind bis zum Cockpit vor, das auf den See rauszeigt. Unter dem Cockpit gibt es eine verglaste Nase. Dort konnten früher Radargeräte oder Aufklärungsinstrumente untergebracht werden. Alte Instrumente, verblasste Beschriftungen.
Der Informatiker hat mich mit dem Auto noch mit in die Berge genommen. Nach Tsaghkadzor, einem Winterskiort in der Region Kotayk. Dort haben wir noch zusammen gegessen und eine kleine Wanderung gemacht. Am Nachmittag bin ich mit dem Bus runter nach Gagarin gefahren. Das Dorf hieß früher Tsaghkunk und gehört heute zur Stadt Sewan. 1961 wurde es als erster Ort in der gesamten Sowjetunion nach dem ersten Kosmonauten benannt. Die Bewohner hatten sich damals persönlich dafür eingesetzt, wenige Monate nach Gagarins Flug. Es gibt eine Gagarin-Statue in dem Dorf, ein Foto habe ich leider nicht machen können. Gagarin liegt direkt an der Autobahn. Von dort bin ich zur Arshaluys-Statue getrampt und habe ein paar Fotos gemacht, mich oben auf die Statue gestellt, wie damals im Vogue-Magazin.
Die Statue „Arshaluys" (Morgenröte) am Seeufer. Geschaffen von Ara Harutyunyan, einem der wichtigsten armenischen Bildhauer. 1963 aufgestellt an der Straße von Jerewan nach Sewan. Arshaluys bedeutet Morgenröte oder Morgendämmerung. 1975 posierte das amerikanische Model Jerry Hall für Vogue auf der Statue, in rotem Badeanzug. Das Foto machte die Skulptur international bekannt. Eine beliebte Fotokulisse. Viele Armenier verbinden mit dem Sewansee nationale Identität.
Von dort bin ich per Anhalter weiter nach Noratus gefahren. Das Trampen hat alles recht gut geklappt, ich wurde meistens recht schnell mitgenommen. Gegen Abend wurde es ein bisschen schwerer, aber ich kam noch rechtzeitig an.
Der Friedhof von Noratus mit seinen Chatschkaren (Steinkreuzen) ist einer der bedeutendsten der Region. Die Steinkreuze sind teils jahrhundertealt und reich verziert, aus rötlichem Vulkangestein. Als ich ankam, stand die Sonne schon recht tief und tauchte die roten Gräber in goldgelbes Licht. Das bekannteste Kloster am See ist Sewanawank an der Nordwestküste. 874 von Prinzessin Mariam gegründet, diente es einst als Gefängnis für Mönche und in Ungnade gefallene Adlige. Die Insel, auf der es stand, wurde durch sowjetische Wasserableitung zur Halbinsel. Im Friedhof war noch ein bisschen was los, einer der touristischen Orte in Armenien, aber da es schon Abend war, hielt sich das in Grenzen. Im Dorf liefen mir ein paar Kinder hinterher. Ich hatte vorher noch ein paar Bonbons gekauft, denen habe ich eine Packung Karamellbonbons geschenkt. Die haben sich riesig gefreut.
Eine kleine Kapelle auf dem Noratus-Friedhof.
Ich bin weiter Richtung Ufer des Sewansees gelaufen und kam an der riesigen Funksendeanlage von Armenia Radio International vorbei. Das Noratus-Radiocentrum wurde 1965 gegründet und liegt etwa 65 Kilometer nordöstlich von Jerewan nahe dem Sewansee. Es ist eine der größten Sendeanlagen der ehemaligen Sowjetunion. Auf Mittelwelle sendet es unter anderem auf 864, 1350, 1377 und 1395 kHz. Von hier werden Programme wie BBC Persian, NHK World und Trans World Radio in den Iran und nach Zentralasien ausgestrahlt.
Auf den Heri-Vulkan bin ich zugelaufen. Dort habe ich meine Drohne steigen lassen und ein paar Aufnahmen gemacht. Das Foto vom Vulkan ist mit der Drohne entstanden. Das Gebirge rund um den See ist vulkanischen Ursprungs. Der Sewansee liegt im Norden des Armenischen Vulkanhochlands. Die Gegham-Vulkankette zwischen Jerewan und dem See weist quartäre Lavaströme und monogenetische Vulkane auf. Der Berg Artanish auf der gleichnamigen Halbinsel erreicht 2.461 Meter und ist von hier aus sichtbar.
Dann bin ich runter ans Ufer vom See. Ein Nadelwald am Ufer mit sehr vielen Sanddornsträuchern zwischendrin und Mönchspfeffer. Das hat ziemlich geduftet, überall gebrummt und gesummt durch die Insekten. Am Ufer war es ein bisschen schade, als ich ankam. Ich war enttäuscht, weil so viel Müll rumlag, vor allem Plastikmüll, angeschwemmt. Ich war ganz alleine dort. In der Ferne habe ich ein paar Fischer gesehen. Ich habe mein Zelt aufgeschlagen.
Ich war froh, dass ich ein Moskitonetz hatte. Es waren sehr viele Mücken. Obwohl es so weit oben in den Bergen liegt, war das Wasser recht kalt. Deswegen bin ich nicht mehr schwimmen gegangen. Ich habe mir auf dem Campingkocher noch etwas zum Abendessen gemacht und bin dann schlafen gegangen. Am nächsten Morgen habe ich den Sonnenaufgang direkt über dem See beobachtet.
Früh nach Sonnenaufgang habe ich zusammengepackt. Vorne waren wieder die Fischer zugange.
Ich bin am Ufer noch ein bisschen gelaufen und zurück nach Noratus ins Dorf. Als ich durch das Dorf lief, kam ich an einer Gruppe von drei etwas betrunkenen Männern vorbei, die auf einer Bank saßen. Sie hatten schon ein bisschen Alkohol intus und haben mit einer Pistole rumhantiert. Als ich gerade ums Eck gebogen war und außerhalb ihres Sichtbereichs, haben die einen Schuss abgefeuert. Er ist hinter mir direkt in der Wand eingeschlagen. Ich habe mich riesig erschreckt. Da bin ich gerade nochmal dem Tod entgangen. Das war eine der gefährlichsten Erfahrungen, die ich in Armenien je gemacht habe, beziehungsweise insgesamt auf meinen Reisen auf der ganzen Welt.
Von Noratus bin ich mit dem Bus weiter nach Martuni gefahren. Von dort aus bin ich hoch in die Berge getrampt bis nach Jermuk.
Quellen und weitere Infos:
Wikipedia: Sewansee
Wikipedia: Sewanawank (Kloster)
Wikipedia: Tsovinar (Göttin)
Armenian Explorer: Tu-134 am Tsovinar-See
Armenian Explorer: Urbex-Tour mit Lada Niva (Tu-134 Hrazdan)
Armenian Explorer: Gagarin-Statue und verlassene Fabriken
Armenian Explorer: Arshaluys-Statue in Vogue
Reddit: Jerry Hall auf der Arshaluys-Statue (1975)
Radio CJSC (Noratus)
Mediumwave Info: Noratus Radio Center
Wikipedia: Mount Artanish
Wikipedia: Tsaghkadzor (Skigebiet)
Georgien-Reise: Sewansee
Explore Armenia: Sewansee, Sewanawank
König Tours: Sewansee
Weitere Artikel
Gefällt dir die Webseite? Unterstütz die werbefreie Seite mit einer Spende.











Kommentare