Lost Place: Das Urtsalany Teleskop

Armenien, August 2025

Zelten unter dem Teleskop, Milchstraße über dem Aragaz – ein verlassenes Observatorium als perfekter Ort für Astrofotografie.

Das Urtsalani-Observatorium (auch Urtsalanj) ist eine ehemalige sowjetische Beobachtungsstation in den Bergen Armeniens, im Bereich des Vulkanmassivs Aragaz. In der wenigen verfügbaren Literatur wird sie als „astronomical outpost overlooking Urtsalanj“ bezeichnet. Bisher existierte vom Teleskop nur ein einziges Foto online, von 1992, und kein weiterer Artikel. Ich habe die Stelle anhand von Satellitenbildern ausfindig gemacht und bin auf gut Glück hingefahren. Die Anlage besteht aus mehreren kleinen optischen Teleskopen und einigen Nebengebäuden. Sie gehört sehr wahrscheinlich zum Netz von Beobachtungsstationen rund um den Aragats, zu dem auch das Byurakan Astrophysical Observatory (gegründet 1946 von Viktor Ambartsumian) und das ROT-54 bei Orgov/Tegher zählen. Errichtet wurde das Urtslanj Teleskop Anfang der 1980er Jahre. Nach dem Zerfall der UdSSR brach die Finanzierung vieler solcher Stationen ein. Mit der Station verbunden ist die Arbeit des Astrophysikers Yury N. Gnedin (Pulkowo-Observatorium). Seine Arbeiten zu Röntgenpolarisation von Neutronensternen (z. B. Hercules X-1), Vakuum-Doppelbrechung in starken Magnetfeldern und Strahlungstransfer in Magnetaren haben die Grundlagen für spätere Missionen wie NASAs IXPE (Imaging X-ray Polarimetry Explorer) mitgeprägt. Heute zählt das Observatorium zu den am wenigsten dokumentierten wissenschaftlichen Lost Places Armeniens. Soweit ich weiß, bin ich der erste Urban Explorer, der diese Anlage ausführlich dokumentiert hat. Es ist schade, in welchem Zustand der Ort heute ist.

Zur Ortschaft Urtsalani fuhr ich mit dem Taxi. An dem Tag verkehrte kein Bus, und beim Trampen hatte ich kein Glück, obwohl ich in Armenien sonst regelmäßig mitgenommen wurde. Von Urtsalani aus wanderte ich eine kleine Schotterstraße, den Berg hinauf.

Ein Raupenfahrzeug am Weg. Vermutlich einst für den Bau oder die Wartung der Anlage genutzt.

Raupenfahrzeug
Raupenfahrzeug

Die Piste zum Observatorium ist steinig und ausgewaschen. Die Landschaft am Aragaz ist karg und weit.

Straße zum Teleskop
Straße zum Teleskop

Oben auf dem Berggipfel steht heute eine Radiofunkstation, vermutlich militärisch, mit verschiedenen Relay-Anlagen und Handyfunkmasten. Ich machte einen großen Bogen um die Anlage herum, um nicht die Wachhunde und den Wachmann zu alarmieren.

Funkstation
Funkstation

Nachdem ich durch das offene Gelände gelaufen war, um der aktiven Funkanlage nicht zu Nahe zu kommen stand ich plötzlich vor dem Eingang zu einem Militärbunker. In der offenen Bunkertür stand ein alter sowjetischer Kleinbus. Daneben standen Radioantennen. Der Wachmann saß schlafend auf einem Stuhl. Er bemerkten mich nicht, als ich vorbeiging. Ich hatte keine Absicht, Militäranlagen auszukundschaften. Mein Ziel war das Teleskop. Das Gelände liegt nahe der Grenze zu Aserbaidschan und zum Iran, die militärische Lage in der Region ist entsprechend angespannt und die Militärische Präsenz groß.

Bunker
Bunker

Das Teleskop erreichte ich erst am Abend, in der goldenen Abendsonne. Dort steht es: ein optisches Teleskop aus gusseisernen Platten mit einer ehemals weißen Kuppel, die inzwischen verrostet ist. Die Nebengebäude, einst Kontrollzentrale und Wohngebäude dienten zwischenzeitlich als Kuhstall. Heute stehen die Gebäude leer und sind bis auf die Grundmauern geplündert.

Urtsalany-Teleskop
Urtsalany-Teleskop

Bei einem der Teleskope fehlt inzwischen die Kuppel. Daraus wachsen wilde Rosen. Eine Art Dornröschenschlaf.

Teleskop halb überwuchert
Teleskop halb überwuchert

Beim anderen Teleskop mit der noch vorhandenen Kuppel schaute ich hinein. Die Kuppel besteht aus 24 durchnummerierten Segmenten. Auf den Gusseisenplatten war zu lesen, dass sie 1979 in der UdSSR hergestellt wurden. Für die damalige Zeit ein großes optisches Teleskop.

Teleskop von innen
Teleskop von innen

Direkt neben dem Teleskop schlug ich mein Zelt auf und beobachtete den Nachthimmel. Die Milchstraße war sichtbar; so weit oben in den Bergen gibt es kaum Lichtverschmutzung, man konnte sie gut erkennen.

Milchstraße
Milchstraße

Es war still, nur Wind und gelegentlich ein Tier in der Ferne. Einsam und eindrucksvoll.

Zelten am Teleskop
Zelten am Teleskop

Am nächsten Morgen sah ich noch den Sonnenaufgang in den Bergen. Dann merkte ich, dass es mir nicht gut ging; ich hatte mir etwas eingefangen, leichtes Fieber. Trotzdem musste ich noch eineinhalb Stunden hinabwandern. Auf dem Rückweg kam ich wieder an den Militäranlagen vorbei, hielt jedoch genug Abstand. Unten angekommen, fuhr ich per Anhalter zurück nach Eriwan.

Sonnenaufgang beim Urtsalany-Teleskop
Sonnenaufgang beim Urtsalany-Teleskop
Koordinaten:

39.83323, 44.99644

Karte:

Weitere verlassene Orte in der Region: das nie fertiggestellte U-Bahn-Projekt in Eriwan und das verlassene ROT-54-Radioteleskop bei Orgov/Tegher.

Quellen und weitere Infos:

Remembering Yury N. Gnedin at the Dawn of X-ray Polarimetry (Universe, MDPI 2022, 8, 84), einzige mir bekannte Quelle mit Erwähnung und Foto der Station („Ararat Scientific Site“, 1992). Mapio: Urtsalani-Observatorium

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