Verlassenes Radioteleskop in Armenien
Armenien, August 2025
Riesige Parabolantennen in der Einsamkeit – das verlassene ROT-54 Observatorium bei Tegher, ein Stück sowjetische Raumfahrtgeschichte.
Nachdem ich einige Zeit in Armenien unterwegs gewesen war, verbrachte ich zum Abschluss noch ein paar Tage in Eriwan. Unweit der Hauptstadt befindet sich eine verlassene wissenschaftliche Anlage aus der Sowjetzeit: ein Radioteleskopkomplex, der heute weitgehend aufgegeben ist und frei in der Landschaft steht. Ich war nach dem U-Bahn-Tunnel in Eriwan und vor dem Kaukasus hier.
Auf dem Weg dorthin kommt man zunächst am Kloster Tegher vorbei. Es handelt sich um ein typisches armenisches Kloster, doch es fällt sofort durch sein ungewöhnliches Erscheinungsbild auf: Die gesamte Anlage ist aus dunklen Basaltsteinen gebaut. Schwarze Mauern, schwarze Kreuze und ein dunkles Dach geben dem Bauwerk ein fast bizarr wirkendes Aussehen, besonders im Kontrast zur helleren Landschaft ringsum. Von hier aus lässt sich in der Ferne bereits das Radioteleskop erkennen – klein und unscheinbar auf der anderen Seite des Tales.
Die eigentliche Anlage besitzt auf einer Seite zwar einen offiziellen Eingang mit Tor, doch man kann sich auch problemlos von der anderen Seite nähern. Früher war das Gelände von Mauern und Stacheldrahtzäunen umgeben, heute sind diese jedoch größtenteils eingestürzt oder verschwunden. Vom nahegelegenen Ort aus lief ich einfach zu Fuß zu den Anlagen hinüber.
Schon von Weitem fällt eines der großen Teleskope ins Auge. Davor steht ein alter grüner sowjetischer Funkwagen mit einer großen Antenne auf dem Dach. Das Fahrzeug wirkt, als wäre es seit Jahrzehnten nicht mehr bewegt worden.
Im Inneren der Anlage ist ein Großteil der technischen Ausstattung bereits beschädigt oder zerstört. Direkt unter der Metallkonstruktion des Teleskops grasen Kühe – ein merkwürdiger Anblick zwischen Hochtechnologie aus der Zeit des Kalten Krieges.
Auf der Rückseite des großen Spiegelteleskops entdeckte ich ein überraschendes Detail: Über die gesamte Höhe der Konstruktion zieht sich ein riesiges Wandgemälde. Es zeigt einen blauen Adler auf blau-weißem Hintergrund, der über Wolken hinwegfliegt. Das monumentale Kunstwerk wirkt fast surreal an dieser verlassenen technischen Anlage.
Ich lief anschließend unter der riesigen Metallkonstruktion hindurch. Erst aus dieser Perspektive bekommt man ein Gefühl für die Größe des Teleskops – auf Fotos lässt sich das kaum richtig einfangen. Eine schmale Treppe führte nach oben, und ich begann vorsichtig hinaufzuklettern. Die Metallkonstruktion war stellenweise etwas wacklig und stark rostig, außerdem fehlten einzelne Stufen, sodass man sehr aufmerksam gehen musste. Von oben bot sich schließlich ein beeindruckender Blick über das gesamte Tal und die umliegende Landschaft.
Ganz oben machte ich auch ein 360-Grad-Foto, bevor ich wieder hinunterstieg.

Danach lief ich weiter zum zweiten großen Radioteleskop der Anlage. Dieses wurde tatsächlich noch bis 2012 genutzt. Es handelt sich um das ROT-54, das Hauptteleskop des Komplexes. Die Zahl 54 steht für den Durchmesser der Schüssel von 54 Metern. Im Gegensatz zu vielen anderen verlassenen Anlagen ist dieses Teleskop erstaunlich gut erhalten. Sogar viele der technischen Instrumente sind noch vorhanden.
Die riesige Schüssel ist in den Boden eingelassen und lässt sich daher nicht drehen. Stattdessen ist sie fest ausgerichtet. Ihre Dimensionen sind so gewaltig, dass man selbst aus kurzer Entfernung Schwierigkeiten hat, das gesamte Bauwerk auf ein Foto zu bekommen. Besonders eindrucksvoll ist der Blick direkt in die Schüssel: Sie fällt steil nach unten ab, und das Metall glänzt noch immer im Licht.
Ich lief einmal um das Teleskop herum. Auf der Rückseite befindet sich ein größeres Gebäude, in dem sich die Steuertechnik der Anlage befindet. Davor steht sogar eine Sonnenuhr.
Die Tür des Gebäudes stand offen, sodass ich einfach hineingehen konnte. Dahinter verbirgt sich eine große Halle, die wirkt, als stamme sie direkt aus den 1950er oder frühen 1960er Jahren. In der Mitte steht ein riesiges Steuerpult mit zahlreichen analogen Messinstrumenten. In der Mitte befindet sich ein alter Röhrenmonitor, davor ein einzelner Designerstuhl. Überall sind Schalter, Drehknöpfe und Anzeigen angebracht.
Die Beschriftungen der Instrumente sind alle auf Kyrillisch. Einige Anzeigen zeigen Werte wie Grad, Minuten und Sekunden an – vermutlich konnten hierüber die genaue Ausrichtung des Teleskops und verschiedene Messparameter gesteuert werden.
In einem Nebenraum befindet sich ein zweites, etwas kleineres Steuerpult. Es ist in einem etwas schlechteren Zustand, besitzt aber ebenfalls noch Röhrenmonitore und zahlreiche Schalter und Knöpfe.
Erstaunlich ist der Zustand der gesamten Anlage: Die Räume wirken fast aufgeräumt und sauber. Es liegt kaum Staub herum, und vieles sieht so aus, als hätte man die Anlage erst vor kurzer Zeit verlassen. Nur einzelne Instrumente fehlen.
Nach der Besichtigung ging ich wieder nach draußen und sah mir einige der Nebengebäude an. Besonders auffällig war eine große Maschinenhalle mit Werkstattbereich. Vor der Halle befand sich ein offenes Vordach mit verschiedenen schweren Geräten, darunter eine große Presse und ein Kran.
Ein Fenster im oberen Stockwerk war eingeschlagen. Ich kletterte außen an der Wand hinauf, um hineinsehen zu können. Im Inneren standen noch zahlreiche Maschinen: Pressen, Formmaschinen, Motoren und andere Geräte. Offenbar wurden hier damals Teile für die Anlage hergestellt oder repariert – vermutlich während des Baus und später für Wartungsarbeiten.
Im nordöstlichen Bereich des Geländes befindet sich noch eine weitere Anlage: eine kleinere, drehbare Radarschüssel. Auch hier kletterte ich noch ein wenig herum und schaute mir die Konstruktion genauer an. Sie gilt als die größte bewegliche Radarschüssel Armeniens. Allerdings wurde ich dort von mehreren streunenden Hunden überrascht. Die Tiere wirkten nicht besonders freundlich, sodass ich zunächst lieber Abstand hielt und wartete, bis sie wieder verschwunden waren.
Anschließend verließ ich das Gelände wieder und lief zurück in den Ort. Von dort trampte ich zunächst bis zur nächsten Bushaltestelle und fuhr anschließend mit dem Bus zurück nach Eriwan.
Quellen und weitere Infos:
Wikipedia: ROT-54 / Orgov (engl.)
Wikipedia: ROT-54/2.6 technische Details (engl.)
Overlandtour: ROT-54 Observatorium
Far Flung Places: The end of the Soviet SETI search (engl.)
Dan Ronov: ROT-54 Photo/Location
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