RTW-Überführung Ukraine
Ukraine, Juli 2025
Ein RTW für die Ukraine – Erfahrungsbericht über die Hilfslieferung für Chain Reaction und die Übergabe in Lviv.
Im Juli 2025 habe ich mich an einer Überführung von Rettungswagen (RTW) in die Ukraine beteiligt. Organisiert wurde der Transport von Chain Reaction, finanziert über Spenden. Ich bin darüber bei Franken Hilft Ukraine e.V. aus Bamberg dazu gekommen und wurde gefragt, ob ich mithelfen würde. Das war relativ spontan. Die Aktion war so aufgebaut, dass eine Gruppe von etwa 30 Radfahrern per Fahrrad in die Ukraine fuhr und wir 14 Krankenwagen überführten. Die Fahrzeuge waren vorher für die Überführung ertüchtigt worden. Dabei nahmen wir das Gepäck der Radfahrer mit. Die RTWs brachten wir nach Lviv. Dort war nur die Übergabe, von dort wurden sie dann ins ganze Land weitergebracht. Medizinische Fahrzeuge werden in der Ukraine überall dringend gebraucht. Die Route führte von München über Bayern und Österreich, Tschechien und Polen bis an die ukrainische Grenze und weiter nach Lviv.
In München haben wir uns getroffen. Die 14 Krankenwagen waren ertüchtigt und wurden beladen. Die Fahrzeuge waren gebraucht, aber technisch in Ordnung und mit der nötigen Ausrüstung ausgestattet.
Die erste Übernachtung war in Eckenfelden in Bayern. Davon ist kein Foto auf der Seite. Die zweite Nacht verbrachten wir in Leonding bei Linz. Dort bauten wir gemeinsam mit dem Roten Kreuz Feldbetten auf. Das Rote Kreuz hat uns ein leckeres Essen gemacht. Am nächsten Tag ging es früh wieder los.
Die etwa 30 Radfahrer sind jeden Tag etwa 300 Kilometer gefahren. Mit den 14 Krankenwagen waren wir schneller unterwegs und hatten dadurch etwas mehr Zeit. Jeder fuhr immer eine Strecke alleine im RTW, wir haben uns meist nur zum Mittag oder Abend getroffen und waren zwischendrin oft alleine oder manchmal in Kolonne unterwegs. So konnte ich mir unterwegs das Stift Melk anschauen. Das barocke Kloster thront über der Donau.
Ein kurzer Wanderweg führt vom Parkplatz zum Stift hinauf. Bei gutem Wetter hat man einen weiten Blick über die Donau. Ich bin die Strecke zu Fuß gegangen, bevor es wieder an den RTW ging.
Die Innenstadt von Melk ist klein und beschaulich. Ich nutzte die Pause für einen Kaffee und einen kurzen Spaziergang durch die Gassen.
Melk von einer anderen Seite. Barock und Donau, ein kurzer Blick auf die Stadt, bevor es weiter Richtung Tschechien ging.
Weiter ging es über die Grenze nach Tschechien. Die Landstraße führt durch ruhige Dörfer und Felder.
In Přerov konnten wir in einer Schule unterkommen. Die Schule hatte einen richtigen 70er-Jahre-Charme. Alte Möbel, das Interieur. Architektonisch auf jeden Fall toll. So haben wir die Nacht verbracht.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Krakau. Unterwegs ist ein Radfahrer aus der Gruppe liegen geblieben. Den habe ich im Krankenwagen mitgenommen.
In Krakau haben wir etwas außerhalb der Stadt in der Basketballhalle übernachtet. Nachmittags war dort noch ein Basketballspiel, abends war ich in der Therme. Die Sporthalle wird auch für Geflüchtete aus der Ukraine genutzt.
Am nächsten Morgen sind wir in die Innenstadt gefahren. Ankunft am Marktplatz.
Dort gab es den Pressetermin mit der deutschen Botschafterin und dem Bürgermeister von Krakau.
Dann ging es an die Grenze. Wir sind zur Tankstelle gefahren und haben alle noch einmal voll getankt.
Danach zum Zoll. Das hat den ganzen Tag gedauert. Abends konnten wir in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft an der polnisch-ukrainischen Grenze, noch in Polen, übernachten. Früh am nächsten Morgen ging es über die Grenze. Bei einem Krankenwagen war etwas falsch in den Papieren eingetragen, der musste noch einmal umdrehen. Am Ende hat dann doch alles geklappt.
In Lviv habe ich mir ein Hostel in der Innenstadt gesucht. Im Hostel war aufgrund des Kriegs wenig los. Draußen in den Straßen war dagegen relativ viel los. Einige Bars und Kneipen sind gut besucht, die Straßenbahnen fuhren ganz normal. Man hatte den Eindruck, dass Leute aus der Ukraine nach Lviv kamen, einfach weil es weit weg von der Front war. Auffällig war, dass bei Kirchen und Statuen die Glasfenster abgedeckt waren. Zum Schutz vor Splittern, falls bei einem Angriff eine Drohne oder Ähnliches runtergeht.
Besonders gefallen hat mir das armenische Viertel. Zwei Monate später bin ich nach Armenien gefahren, mit dem Zug und der Fähre und dem Fahrrad. Die historische armenische Kirche in Lviv. Man hat sich ein bisschen gefühlt wie in Armenien.
Detail der armenischen Kirche. Lemberg war über Jahrhunderte multiethnisch. Die Kirche gehört zu den ältesten und eindrucksvollsten Bauwerken der Stadt.
Gegen zwei Uhr nachts gab es plötzlich Luftalarm. Es gibt eine App, die einen informiert, und draußen hat man die Sirenen gehört. Zuerst war von einem Drohnenangriff die Rede, später von einem Raketenangriff. Bei den Drohnen haben die meisten Leute einfach weitergeschlafen. Ich bin rausgegangen und habe in der App nach einem Bunker gesucht. Die App war auf Ukrainisch, da hatte ich Sprachbarrieren. Leute haben mich zu sich in einen Hauseingang reingewinkt. Sie hatten keinen richtigen Bunker, aber im Treppenhaus Sandsäcke aufgestapelt. Wir haben uns auf der Kellertreppe im Dunkeln in Decken eingewickelt, in so einer Art Kartoffelkeller, und dort ausgeharrt. Es war eine Familie, nur die Frauen. Die Männer waren alle im Krieg. Die Babuschka ist noch mal hoch in die Wohnung und hat die Katze geholt. Später hieß es, jetzt kommen doch noch Raketen. Da sind dann mehr Leute runter in den Keller gekommen, die bei den Drohnen noch gesagt hatten, das sind nur Drohnen, da bleibe ich schlafen. Bei den Raketen wurde es ernster. Gegen fünf Uhr früh war alles vorbei. Die Entwarnung wird in der Ukraine von einem bekannten Sprecher eingesprochen. Mark Hamill, der Schauspieler aus Star Wars, hat „Möge die Macht mit euch sein" auf Ukrainisch und Englisch für die Durchsagen aufgenommen. Das kommt dann aus den Lautsprechern.
Im Keller. Sandsäcke, Kellertreppe. So haben wir die Nacht verbracht, bis die Entwarnung kam. Die Infrastruktur für solche Situationen wurde in der Ukraine seit Kriegsbeginn massiv ausgebaut.
Am Vorabend hatten wir die Krankenwagen an einem Lagerplatz etwas außerhalb der Stadt abgestellt, an einem geheimen Ort. Am nächsten Morgen haben wir sie zum Marktplatz in Lviv gebracht. Dort war die Übergabe an verschiedene Militäreinheiten und Bataillone. Lviv liegt näher an München als an der Front. Die Ukraine ist wirklich groß. Durch die Abholung der Krankenwagen hatten die Soldaten die Möglichkeit, ein paar Tage von der Front wegzukommen und ihre Familien wiederzusehen. Von Lviv aus wurden die Fahrzeuge dann ins ganze Land weitergebracht. Das Fernsehen war da, der Botschafter der Ukraine und der deutsche Botschafter. Anschließend haben wir eine Stadtführung bekommen.
Wir haben das Marsfeld besucht. Das Lychakiwski Zwyndowyschtsche, auf Deutsch oft Marsfeld genannt, ist der historische Friedhof von Lviv. Inzwischen werden dort auch Gefallene des Krieges bestattet. Es war erschreckend, wie viele Gräber allein aus Lviv schon dort sind. Das Marsfeld ist inzwischen voll. Es ist kein Platz mehr, ein neuer muss gesucht werden.
Ich bin noch ein bisschen durch die Stadt gefahren und habe eine alte historische Villa etwas außerhalb besucht. Die wurde vor ein paar Monaten von einer Drohne getroffen. Es gab einen kleinen Brand und Beschädigungen, das ist aber großteils schon wieder repariert. Mir wurde vor Ort gesagt, dass oft Schulen oder in der Nacht auch Kindergärten von Drohnen angegriffen werden. Die Taktik ist, die Bevölkerung zu zermürben.
Die Fassadenschäden an der Villa sind gut zu erkennen. Ich habe durch den Gartenzaun hindurch fotografiert. Der Krieg hinterlässt überall seine Spuren.
Am Abend haben wir uns nochmal als Gruppe getroffen und waren zusammen essen. Während des Abendessens gab es wieder Luftalarm. Wir haben unsere Sachen gepackt und sind mit dem Bus zurück an die polnische Grenze gefahren. Die Überführung war ein bewegendes Erlebnis.
Quellen und weitere Infos:
Chain Reaction Bikeconvoy (Website)
Bamberg hilft Ukraine e.V.
Wikipedia: Lwiw (Lviv)
Johanniter: RTW und medizinisches Material für die Ukraine
Merkur: Rettungswagen-Spendenaktion für Ukraine (Chainreaction)
Auswärtiges Amt: Reiseinformationen Ukraine
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