Kugelförmige Tropfsteine: Die Muradi Höhle

Georgien, August 2025

Kugelförmige Tropfsteine, wie nirgendwo sonst – die Muradi-Höhle bei Tqibuli ist ein einzigartiges Karstwunder in Georgien.

Die Muradi-Höhle liegt zwischen den georgischen Regionen Racha und Imereti, nahe Tqibuli, und wurde 2014 von Wanderern unter Führung des Hirten Murad Tsnobiladze entdeckt, nach dem sie benannt ist. Die Region ist eine klassische Karstlandschaft. Das Racha-Kalksteinmassiv ist das flächenmäßig größte Georgiens und Teil des Kaukasus-Karstgürtels. Feuchte Luftmassen vom Schwarzen Meer, etwa 120 Kilometer entfernt, bringen reichlich Niederschlag. Am Nakerala-Pass fallen im Jahresmittel rund 2.760 mm Regen. Die Höhle liegt auf etwa 1.498 m Höhe. Sie ist vor allem für ihre ungewöhnlichen Tropfsteinformationen bekannt. Es sind kugelförmige Stalagmiten, die von Speläologen als selten bestätigt wurden. Die Muradi-Höhle enthält fast alle in Kaukasus-Höhlen dokumentierten Speleothem-Typen. Die Höhle hat zwei Ebenen, mehrere Nebenpassagen und wird auf 80.000 bis 100.000 Jahre geschätzt. Sie erstreckt sich über etwa 660 Meter, das Volumen beträgt rund 29.000 Kubikmeter. Die Temperatur in der Höhle liegt bei etwa 6 bis 7 °C. Es wird erwogen, die Höhle der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie auszubauen, zu beschildern und einen offiziellen Weg anzulegen.

Vor meiner Reise habe ich das geologische Institut der Universität Tbilisi kontaktiert und darüber einen Guide aus Kutaisi gefunden. Er leitet verschiedene Explorationen und Touren für Forscherinnen und Forscher in der Region. Ich war der erste Tourist, der diese Höhle besucht hat. Bisher waren es nur Forschungsgruppen. Es war etwas Besonderes, eine Höhle zu sehen, die noch kein anderer Tourist zuvor gesehen hatte.

Ortstafel Tqibuli
Ortstafel Tqibuli

Tqibuli ist eine ehemalige Bergbaustadt nordöstlich von Kutaisi. Wir fuhren mit einem Mietauto bis hoch zur Bergstation der verlassenen Tkibuli-Tskhrajvari-Seilbahn und liefen von dort aus weiter zur Höhle.

Neunkreuz-Seilbahn Bergstation
Neunkreuz-Seilbahn Bergstation

Die Tkibuli-Tskhrajvari-Seilbahn ist heute verlassen. Sie war mit 3.644 Metern Länge und 850 Metern Höhenunterschied eine der längsten der Sowjetunion. Tskhrajvari bedeutet „Neun Kreuze" und bezeichnet den Berggipfel mit dem gleichnamigen Schrein. Die Seilbahn wurde 1984 in Betrieb genommen und ging nach nur einem Jahr kaputt. In den 1990er Jahren wurden die Kabinen, Seile und Stützen gestohlen. Heute stehen nur noch die Grundmauern der Stationen. Die Kabinen für zwölf Personen wurden einst von der Tbilissier Flugzeugfabrik gebaut, entworfen vom Ingenieur Vakhtang Lejava.

Bergstation
Bergstation

An der Bergstation angekommen liefen wir zu Fuß weiter zur Höhle.

Der Wanderweg führte uns durch grünen Wald. Die Gegend ist feucht und üppig. Der Weg ist nicht markiert und die Position der Höhle ist bis heute nicht der Öffentlichkeit bekannt. Am Ende des Artikels habe ich eine Karte für alle eingefügt, die die Höhle selbst erkunden wollen.

Wanderweg
Wanderweg

Der Pfad schlängelt sich durch einen recht dichten, nebligen Wald und ist ohne Guide nur schwer erkennbar. Man kann sich in der Region leicht verlaufen. Er führt über mehrere halboffene Waldlichtungen, teilweise mit kleinen Tümpeln in der Mitte. An manchen Stellen war der Pfad von Farnen gesäumt.

Wanderweg mit Farnen
Wanderweg mit Farnen

Nach der dritten Waldlichtung zweigt links ein ganz kleiner Nebenpfad vom Hauptpfad in den Wald ab. Es geht noch ein paar Böschungen hoch, dann liegt der Eingang zur Höhle fast ein wenig versteckt. Wir machten ein Selfie davor (42.3958, 42.97896).

Selfie vor der Muradi-Höhle
Selfie vor der Muradi-Höhle

Koordinaten, Eingang der Muradi-Höhle: 42.3958, 42.97896

Aus den Forschungsdokumenten und Papern, die bereits online verfügbar sind, habe ich diese Höhlenkarte gefunden, die ich euch hier zur Verfügung stellen möchte. Es gibt zwei Hauptkammern und mehrere enge Passagen.

Karte der Muradi-Höhle
Karte der Muradi-Höhle

Am Einstieg muss man ein Stück reinklettern. Mein Guide war am Vortag bereits zur Höhle gegangen und hatte Kletterseile angebracht. Zwischen dem Eingang und dem Lower Level muss man eine Passage von etwa 5 bis 6 Metern nach oben klettern. Theoretisch ist es ohne Seil möglich, aber besser, wenn man sich dort sichern kann.

Kletterpassage
Kletterpassage

Die Höhle schlängelt sich durch einen Hauptgang hindurch. Man kann sich darin nicht wirklich verlaufen. Wir hatten eigene Taschenlampen mitgebracht. In der Höhle ist es stockdunkel. An den Wänden hängen noch die Schnüre von der Vermessung der Höhle.

In den Kammern gab es Pfützen und erste Tropfsteine. Das Wasser tropft langsam von der Decke und formt Stalaktiten und Stalagmiten.

Pfütze und Stalagmiten
Pfütze und Stalagmiten

Wir liefen durch die Gänge. An manchen Stellen musste man über das Wasser springen. Wer kein Kletterseil dabei hat, sollte sich darauf einstellen, nasse Füße zu bekommen. Es lohnt sich aber, die Schuhe auszuziehen und durch das kalte Bergwasser zu waten, denn dahinter wartet die Kammer mit den runden Tropfsteinen.

Enge Passage
Enge Passage

Die berühmten kugelförmigen Tropfsteine. Die Muradi-Höhle ist die einzige bekannte Höhle in Georgien mit solchen Formationen und eine der wenigen weltweit. Der US-Speläologe Arthur Palmer (NYU) bestätigte, dass ballförmige Stalagmiten in dieser Form weltweit selten sind. Die kugeligen Kalzit-Aggregate haben Umfänge von 16 bis 180 Zentimetern. Für alle, die die Höhle selbst erkunden wollen: Bitte keine Tropfsteine anfassen, nichts hinterlassen und darauf achten, nichts zu beschädigen. Eine Höhle ist ein sensibles Ökosystem.

Kugelförmige Tropfsteine
Kugelförmige Tropfsteine

Mit Taschenlampe und grünem Licht fotografierte ich die Formationen mit der Kamera. In der Höhle herrscht absolute Dunkelheit, sie wirken so noch geheimnisvoller.

Tropfsteine mit grünem Licht
Tropfsteine mit grünem Licht

Wir verbrachten mehrere Stunden in der Höhle. Mein Guide freute sich sehr, denn bisher waren es immer nur Forscherinnen und Forscher, die die Höhle erkundet hatten. Ich war der erste, der professionelle Fotos in der Höhle machte.

Weitere Kugeltropfsteine
Weitere Kugeltropfsteine

Auf dem Rückweg blickten wir noch einmal in die Tiefe der Höhle. Nasse Kleidung und schlammige Schuhe inklusive.

Rückweg aus der Höhle
Rückweg aus der Höhle

Die Kletterpassage am Eingang, die wir mit dem Seil an der Wand hochgeklettert waren. Nachdem wir die Höhle verlassen hatten, entfernte mein Guide das Seil wieder. So kann nicht jeder einfach hinein, sondern nur Menschen mit etwas Erfahrung. Das schützt die Tropfsteine vor Vandalismus.

Zurück durch die Kletterpassage
Zurück durch die Kletterpassage

Nach der Höhle wanderten wir noch zum Gipfel von Tskhrajvari. Der Schrein der Neun Kreuze liegt auf etwa 1.500 bis 1.569 Metern Höhe, nahe dem Nakerala-Pass an der Grenze zwischen Imereti und Racha. Eine kleine Kapelle ist dem Heiligen Georg geweiht. Der Legende nach trug ein Vater neun Kreuze den Berg hinauf und errichtete den Schrein zu Ehren seiner neun Söhne, die in den Krieg gezogen waren. An klaren Tagen reicht der Blick bis zum Schwarzen Meer, über die kolchischen Tiefebenen und die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus. An unserem Tag war es sehr regnerisch und nebelig, windig und kalt. Man sah gerade mal zehn Meter weit.

Gipfelkreuz Tskhradjvari
Gipfelkreuz Tskhradjvari

Auf der Straße zurück ins Tal fuhren wir in Schrittgeschwindigkeit. Die Sicht war bei dem Nebel so schlecht, dass man kaum etwas erkennen konnte.

Straße zurück nach Tqibuli
Straße zurück nach Tqibuli

Am späten Nachmittag schauten wir uns noch ein paar weitere Höhlen in der Region an. Am Abend wollte ich eigentlich zelten gehen, doch mein Guide lud mich zu sich und seiner Familie ein. Ich durfte duschen und übernachten. Es stellte sich heraus, dass er wie ich Vegetarier ist. Er meinte, in Georgien gebe es so gut wie keine Vegetarier. Ein Zufall, dass ich bei einem anderen Vegetarier gelandet bin, der mich zum Essen und Übernachten eingeladen hat. Die Familie war dabei, wir unterhielten uns gut und hatten einen schönen Abend. Am nächsten Tag fuhr ich weiter zu den verlassenen Seilbahnen in Tschiatura.

Quellen und weitere Infos:

Georgia.to: Muradi Cave (Entdeckung, Kugeltropfsteine)
Georgia Travel: Caving in Muradi Cave
Georgian Journal: Amazing Discovery Muradi Cave
SCIRP: Speleological Investigation Muradi Cave (Racha Limestone Massif)
ResearchGate: Muradi Cave Karte und Querschnitt
Digital Commons: Karst GIS Mapping
UK Caving: Caving in Georgia
Georgia.to: Tskhrajvari Schrein der Neun Kreuze
Reinis Fischer: Tkibuli-Tskhrajvari Seilbahn (verlassen)
Wikipedia: Munizipalität Tqibuli
Wikipedia: Stalagmit / Tropfstein

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